| Wer kennt es nicht, das Märchen von „Schneeweißchen und Rosenrot“:
„Eine arme Witwe, die lebte einsam in einem Hüttchen, und vor dem Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen: und sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot.“
Von den Mädchen wird erzählt, dass sie „fromm und gut waren, so arbeitsam und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen sind“.
„Wir wollen uns nicht verlassen, solange wir leben nicht.“, sagen sie und halten sich fest an den Händen. „Was das eine hat, soll`s mit dem andern teilen“, fügt die Mutter hinzu.
Sie haben keine Angst nachts im Wald zu schlafen. Sie versorgen ohne wenn und aber einen Bären, der seinen „dicken schwarzen Kopf zur Tür hereinstreckte“ und helfen dreimal einem Zwerg, obwohl er sie jedesmal beschimpft und beleidigt.
Als der Bär überraschend den Bösewicht im Zweikampf besiegt und sich noch dazu als „Sohn eines Königs“ entpuppt, belohnt er Schneeweißchen, in dem er sie zu seiner Frau erwählt und auch Rosenrot und die Mutter ziehen ins Schloss mit ein.
Dieses schöne Kunstmärchen von Wilhelm Grimm wurde 1837 in der Drittauflage der Kinder- und Hausmärchen zum ersten Mal veröffentlicht. Hauptquelle scheint die Novelle von Caroline Stahl „Der undankbare Zwerg“ gewesen zu sein. Wilhelm Grimm erzählt die Geschichte neu, in dem er die beiden Schwestern in den Mittelpunkt der Handlung rückt.
Beschäftigt man sich ein wenig mit dem Leben und Schaffen der Brüder Grimm und liest man dazu die Biographie von Steffen Martus „Die Brüder Grimm“, findet man Parallelen im Märchen, die einerseits die Familienverhältnisse im Elternhaus der Grimms und andererseits das Verhältnis der Brüder untereinander betreffen: das Motiv der gütigen, zu früh verwitweten Mutter und das Motiv der fleißigen und hilfsbereiten Geschwister, die den Verlust des geliebeten Vaters ausgleichen helfen; die Unzertrennlichkeit des einen wie des anderen Geschwisterpaares sowie den extremen Gegensatz ihrer Charaktere.
Mit dem Satz „Wir wollen uns nicht verlassen, solange wir leben nicht.“ hatte Jacob Wilhelm die brüderliche Treue geschworen. (1)
Jacob Grimm, der ältere Bruder, hatte einen scharfen Verstand, war jedoch auch manchmal unnachgiebig hart in seinem Urteil, eigensinnig und aufbrausend. Unverheirat und kinderlos lebte er in der Familie seines Bruders Wilhelm.Wilhelm, der herzkranke Bruder mit dem milden, flexiblen Charakter, weinte in seiner Jugend, wenn Jacob gezwungen war, längere Zeit abwesend zu sein. (2) Seinem erster Sohn gab er ganz selbstverständlich den Namen Jacob.
Als Wilhelm am 17. Dezember 1859 starb, schrieb Jacob in einem Brief: „gestern den 16 um 3 uhr nachmittags ist Wilhelm, die hälfte von mir gestorben“. (3) Bevor Jacob am 20. September 1863 stirbt, greift er nach einer Fotografie Wilhelms „um sie sich dicht vor die Augen zu halten“.(4)
Als Wissenschaftler waren die Brüder ein unschlagbares Team. Ihr 16-Bändiges Deutsches Wörterbuch und die 2-Bändige Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen kennt heute jeder. Und wie die Schwestern im Märchen die Angewohnheit haben, durch den Wald zu streifen und unscheinbare Dinge liebevoll und aufmerksam zu betrachten und zu sammeln, so widmeten sich auch die Brüder Grimm in ihrer Eigenschaft als Juristen, Philologen und Akademiker hingebungsvoll und ausdauernd ganz unspektakulären Forschungsobjekten. (5) Als Wilhelm starb, hatte er gerade den Buchstaben D für das Deutsche Wörterbuch beendet.
Wir wissen, dass sich die Märchen der Welt mit ihren archetypischen Inhalten oft ähneln. Große Unterschiede bestehen immer in der Art und Weise ihrer Bearbeitung.
Das wirklich Geniale an den Grimmschen Märchen ist nicht der Stoff aus dem sie gemacht sind, sondern die Sprache, in die dieser Stoff gekleidet ist. Wie die Goldmarie, die in oder durch einen Brunnen fiel, fallen auch wir beim Lesen der Grimmschen Märchen gleichsam aus der Zeit in eine behagliche neue Welt voller Licht und grusliger Schatten. (6) Es ist eine Sprache, die uns den Zugang zur Szenerie „Es war einmal“ eröffnet, die sie ausstattet, wie ein Bühnenbildner ein Theaterstück.
„Kindermärchen werden erzählt-so Wilhelm Grimm-damit in ihrem reinen und milden Lichte die ersten Gedanken und Kräfte des Herzens aufwachen und wachsen.“ (7) Der didaktische Zweck der Märchen leitet sich somit von ihrem Wahrheitsgehalt ab. Wir sollen ein Verhältnis zu den Dingen finden, uns mit Herz und Seele binden oder verweigern. Gleichzeitig wünschten sich die Grimms, dass die Märchen nicht einmal, sondern öfter gelesen werden und wenn möglich in Gemeinschaft mehrerer Anwesender.
Inszeniert man ein Grimmsches Märchen auf dem Theater, steht man vor einem paradoxen Phänomen: Entkleidet man die Märchen der Sprache, bleibt nur eine wenig attraktive „Story“ übrig.
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